Es gibt immer ein Vorspiel

Das Vorspiel - sich in Stimmung bringen?
Mit dem Vorspiel wärmen sich viele Frauen und Männer auf für das «Hauptereignis» - sie stjmmen sich ein auf den «Sex». Und wir haben gelernt, dass das Vorspiel wichtig sei, weil Frauen es «brauchen». Wir meinen zu wissen, dass es wichtig ist, den Körper der Frau in Stimmung zu bringen, oder dass die Vagina erst mal schön feucht wird und «bereit» ist für die Penetration. In Wahrheit ist es aber so, dass Frauen ebenso schnell wie Männer mit körperlicher Erregung reagieren, wenn es fliesst im erotischen Kontakt. Die grosse Frage ist, wie kommt die Energie ins fliessen? Wann ist das der Fall?

Viele Paar-Ratgeber haben uns jahrzehntelang eingeredet, wie wichtig es ist, dass wir «kommunizieren» und einander mitteilen, was wir gerne möchten. Als ob das Vorspiel nur gut werden könnte, wenn wir miteinander reden. Aber wenn wir genauer hinschauen, dann kennen sehr viele Partner die Erfahrung, dass ein Vorspiel dann besonders  schön ist, wenn wir nicht miteinaner reden, wenn wir nur küssen, streicheln, berühren ohne miteinander zu reden. Offenbar ist es so, dass wir gerade dann, wenn wir nicht reden, besonders intensiv «kommunizieren».

Das Vorspiel ist ein Verständigungsprozess
David Schnarch, weltberührmter Paar- und Sexualtherapeut, hat meine Ansichten über das Vorspiel stark verändert. Er hat herausgefunden, dass das Vorspiel wichtig ist, weil es  i m m e r  stattfindet. Ob es nun sanft oder stürmisch ist, ob es langsam oder schnell ist, ob es mit oder ohne Reden ist, es ist immer ein nonverbaler oder ein verbaler Verständigungsprozess, in dem sich Paare ganz viel mitteilen. David Schnarch hat folgende grosse Entdeckung gemacht: Im Vorspiel handeln wir aus, auf welcher Ebene von Intimität, emotionaler Verbundenheit und erotischem Kontakt wir uns im weiteren erleben werden.

Das Vorspiel ist der bewusste oder unbewusste Verständigungsprozess, der die Weichen stellt für den weiteren intimen Kontakt  und die emotionale Grundstimmung und die Grundhaltung des Paares prägt. Ist diese Grundrichtung ausgehandelt, lässt sie sich oft nur noch schwer verändern. Sie ist in einer Paarbeziehung auch für die weiteren sexuellen Begegnungen prägend. Wenn die Sexualität in einer langfristigen Partnerschaft langweilig und monoton wird, hat das nicht nur damit zu tun, dass der erotische Kontakt zu sehr festen Gewohnheiten folgt, sondern insbesondere damit, dass sich bestimmte Grundhaltungen und Bedeutungsebenen eingespielt und verfestigt haben.

Unter günstigen Umständen bauen die Partner beim Vorspiel einen emotionalen Kontakt auf und bei beiden wird Erregung, Begehren und Liebe geweckt. Häufiger aber stellt das Vorspiel die Weichen dafür, dass die beiden Partner nicht richtig miteinander in einen intimen Kontakt kommen, oder sogar, dass sich voneinander entfernen und abschneiden. Es ist leider so, dass das gängige Sexualverhalten kaum über Verhaltensweisen verfügt, die die Vertiefung von Intimität fördern. Der sexuelle Verhaltensstil von Paaren ist meistens darauf ausgerichtet, Nähe und Intimität auf einem erträglichen Niveau zu halten. Anstatt dass Nähe und Intimität sich ausdehnen, wird sie eingeschränkt.

Küssen mit geschlossenen und offenen Augen
David Schnarch bringt das Beispiel des Küssens und der verschiedenen Kussstile. (s.230) Die meisten Paare küssen mit geschlossenen Augen. Das Küssen mit offenen Augen ist für viele Paare zu Beginn schwierig zu ertragen, weil es so viel mehr Intimität in die erotische Begegnung bringen kann. Wir müssen uns fragen, weshalb wir das Küssen und den Geschlechtsverkehr mit geschossenen Augen «romantischer» finden.

Es ist offenbar einfacher, sich selbst zu spüren, wenn wir die Augen schliessen. Wenn wir die Augen öffnen, dann verlieren wir viel rascher den Selbstkontakt, weil uns das was wir sehen irgendwie «rauswirft» aus dem innigen Erleben. Wenn wir aber lernen, die Augen zu offen zu halten und trotzdem im Kontakt zu bleiben mit unserem Intimpartner, dann wird die «Kommunikation» viel intensiver, wir sehen den Partner von ganz nahe, seinen Gesichtsausdruck, seine Augen und der gemeinsame Kontakt vertieft sich stark, es entsteht eine stark berührende Form von Intimität.

Das Vorspiel ist ein Spiegel der Beziehungsdynamik
Im Vorspiel wird also das Feld für Intimität und Erotik abgesteckt. Die Partner erfassen dann sehr fein, wie weit der Andere gehen möchte. Das Feld des Vorspiels ist oft ein Spiegel für den Umgang des Paares mit Intimität und spiegelt auch die Machtverhältnisse im Paar. Besonders sichtbar wird das im Übergang vom Vorspiel zum «Hauptereignis». Dieser Übergang vollzieht sich «nicht von allein», sondern beruhrt auf einer «gemeinsamen Entscheidung». Der eine Partner ergreift die Initiative, das Vorspiel zu beenden und «zur Sache» zu gehen, und der andere Partner erlaubt dies bewusst oder unbewusst oder lässt es nicht zu, um das Vorspiel zu verlängern. Oft lassen sich sexuelle Probleme wie Erregungsschwäche, mangelndes Begehren oder sexuelle Funktionsstörungen auf Störungen im Verständigungsprozess des Vorspiels zurückführen.

Literaturangabe
David Schnarch, Die Psychologie sexueller Leidenschaft. Piper Verlag 2015, s. 226-253

    Hinweise und Übungen