Kritische Männerforschung - Mens Studies

Buchbesprechung

Gender Studies: Franziska Bergmann, Franziska Schössler, Bettina Schreck (Hg.), Basis Scripte Transcript Verlag, Bielefeld  2012

Die Gender Studies sind erwachsen geworden. Sie haben sich emanzipiert von ihrer Mutter – dem Feminismus – und von ihren Vätern - den patriarchal geprägten Geisteswissenschaften. Sie haben sich seit den neunziger Jahren international zu einer zentralen, interdisziplinären Forschungsperspektive entwickelt. Zudem sind sie mit dem Gender Mainstreaming politisch wirksam geworden. Inzwischen sind die Gender Studies selbst Eltern geworden und haben die Mens Studies hervorgebracht – die kritische Männerforschung. 

Die kritische Männerforschung befindet sich noch in der Jugendphase und sucht noch ihren Platz in der Welt. Sie hat auch ihren Platz in dem von drei Frauen herausgegebenen Band Gender Studies nicht richtig gefunden. Er bleibt dominiert, wie die Gender Studies selbst auch, von einer Frauenperspektive. Jeder Band der Reihe Basis Scripte des Transcript Verlages wird von renommierten SpezialistInnen des Fachs herausgegeben und enthält eine repräsentative Auswahl der jeweils gegenwärtig diskutierten kanonischen Texte. Hier werden anhand von fünfzehn Originaltexten – zwölf von Frauen - die Anfänge der Frauenforschung, aktuelle Fragestellungen der Queer Theory und Verknüpfungen mit anderen Fachrichtungen vorgestellt: von Virginia Woolf, Simone de Beauvoir und Helene Cixious bis zu Michel Foucault, Judith Butler und R.W. Connell. Besonders wertvoll ist, dass klassische Ansätze der US-amerikanischen Geschlechterforschung erstmalig in deutscher Übersetzung abgedruckt und für die Lehre von universitären Studiengängen aufbereitet sind: zentrale Texte von Judith Halberstam, Lee Edelmann, Gyatri Gopinath und Eve Kosofsky Sedgwick.

Schade ist, dass sich nur gerade drei Originaltexte der Erforschung von Männlichkeit widmen – aber immerhin wird darin eingeführt. Forschungen zu Männlichkeiten gehören heute zum etablierten Repertoire der Geschlechterforschung. Obwohl es dazu keinen verbindlichen theoretischen Rahmen gibt, beziehen sich Männlichkeits-Forschende in erster Linie auf die Arbeiten der australischen Soziologin R.W. Connell und des französischen Soziologen Pierre Bourdieu. Durch die Ausrichtung des vorliegenden Bandes auf die zentralen englischsprachigen Texte fehlt Bourdieu’s Klassiker „La domination masculine“. Für genderstudies interessierte Männer ist der vorliegende Band aber gerade deshalb besonders lesenswert, weil er einen ausgesprochen breiten Blick auf die Herkunftsfamilie der Gender Studies wirft.