Elternzeit - im internationalen Vergleich

Dieser Beitrag für die Literaturstudie "Vaterschaft und Elternzeit" wrude 2011 verfasst von Bernhard von Bresinski und Prof. Dr. Heinz Walterfür die Abteilung Kinder- und Jugendpsychotherapie der Universität Ulm.

Obschon es sich bei der Elternzeit und dem Elterngeld um eine finanziell aufwändige wohlfahrtsstaatliche Maßnahme handelt, wird sie heute von der OECD und der EU positiv bewertet [30]. Es handelt sich um die wichtigste wohlfahrtstaatliche Reform, die in europäischen Ländern in den letzten Jahrzehnten umgesetzt wurde [31]. Der Rat der Europäischen Union hat 2010 eine neue Richtlinie zu Elterngeld und Elternzeit erlassen, wonach die Mitgliedstaaten bis am 8. Mai 2012 Zeit haben, die erforderlichen Rechtsvorschriften für bezahlte Elternzeit zu erlassen [30]. Bezahlte Elternzeit besteht aus einem Bündel von Vereinbarkeits- und sozialen Sicherungsmaßnahmen, die als notwendig gesehen werden, um die europäische Beschäftigungspolitik umzusetzen. Im Zentrum dieser steht zunächst die Erhöhung der Frauenerwerbsquote. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (vgl. Kapitel 4.3) wird dabei als zentraler Faktor gesehen, der einen positiven Einfluss auf die Karriere- und Familienplanung sowie die Geburtenrate hat [1].

Vor diesem Hintergrund entdecken in den letzten Jahren die deutschsprachigen Länder Deutschland, Österreich und die Schweiz die Väter in der Familienpolitik. Das neue Rollenverständnis der aktiven Vaterschaft findet familienpolitische Anerkennung auch in Elternzeit-Regelungen [32]: Deutschland hat 2007 das neue Elternzeit-Gesetz eingeführt. In Österreich ist ab dem 1. Januar 2011 eine neue Regelung in Kraft, wonach Väter im öffentlichen Dienst einen „Papamonat“ in Anspruch nehmen können [33]. In der Schweiz hat im Oktober 2010 die zuständige Kommission [30] ein detailliertes Modell für bezahlte Elternzeit präsentiert, dessen politische Umsetzung aber noch offen steht [30]. Dieser Bericht unterstreicht aufgrund des internationalen Vergleichs die zentralen Anreize für einen Elternzeitbezug für Väter: (1) eine hohe Lohnersatzquote des Elterngeldes, damit der Lohnverlust durch den Elternzeitbezug von Vätern möglichst klein gehalten wird; (2) reservierte Partnerzeit, d.h. für den Vater reservierte Elternzeit; (3) teilzeitliche Elternzeitbezüge für beide Elternteile, die eine große Flexibilität in der Abstimmung von Elternzeit und Erwerbstätigkeit ermöglichen; und (4) individuelle Besteuerung der Eltern und Steuerboni für eine egalitäre Elternzeitaufteilung.

Zu unterscheiden sind im internationalen Vergleich von Elternzeitmodellen die Ebenen familien- und gleichstellungspolitische Strukturen, gesetzliche Ausgestaltung für bezahlte Elternzeit, neue gesellschaftliche Rollenbilder der aktiven Vaterschaft und Veränderungen auf der familiensystemischen Ebene in Bezug auf die Eltern-Kind-Beziehung. Zum Beispiel erschwert das Fehlen von ganztägigen Betreuungseinrichtungen für Kleinkinder trotz bestehender Elternzeit-Regelung die Rückkehr von Müttern in den Arbeitsmarkt und die Entwicklung von aktiver Vaterschaft. Eine Untersuchung hat nachgewiesen, dass die durch Elternzeit geförderte aktive Vaterschaft nur dann nachhaltig bleibt, wenn Mütter rasch auf den Arbeitsmarkt zurückkehren können [34]. Ob das mit Elternzeit assoziierte Ideal der aktiven Vaterschaft im familiären Alltag tatsächlich positive Auswirkungen auf die Intensivierung der Vater-Kind-Beziehung, die Bindungsentwicklung des Kindes, und eine egalitäre Rollenverteilung hat, darüber können allein Forschungs-Befunde aus Ländern Auskunft geben, die schon über eine längere Zeit vätergerechte Elternzeitmodelle eingeführt haben. Und dies ist nur in Skandinavien der Fall. Da das deutsche Elternzeit-Modell zu großen Teilen das schwedische Erfolgsmodell übernommen hat, geben vor allem die Resultate von schwedischen Studien Aufschluss über Väter in der Elternzeit.

Schweden hat als erstes Land der Welt 1974 ein Elternzeitmodell eingeführt. In der ersten Phase fehlten aber väterspezifische Anreize, weshalb die Väter größtenteils die Elternzeit den Müttern überließen. Noch 1991 bezogen nur 6% der Väter Elternzeit [35]. Erst mit dem 1995 eingeführten Partnermonat für Väter - „daddy month“ genannt - wurde das schwedische Elternzeitmodell erfolgreich [36] - auf der Basis einer hohen Bezugsflexibilität und eines großzügigen Elterngeldes (Lohnersatzquote von 80%). Von diesen positiven historischen Erfahrungen Schwedens konnte Deutschland profitieren. Gleich wie in Schweden wurden in Deutschland 14 Monate bezahlte Elternzeit eingeführt. Allerdings liegt die Lohnersatzquote in Deutschland nur bei 67% und im Gegensatz zu Schweden verfügt Deutschland aber über keinen geburtsbezogenen Vaterschaftsurlaub und keine steuerrelevanten Anreize.

Das neue deutsche Elternzeit-Modell hat dazu geführt, dass innerhalb von zwei Jahren die Anzahl der Väter, die Elternzeit bezogen haben von 3.5% auf 22% angestiegen ist [37]. Allerdings gibt es im Vergleich zu Schweden und den anderen skandinavischen Ländern, wo durchschnittlich 80% der Väter zwei Monate Elternzeit beziehen, noch viel zu tun. Schweden hatte bereits in den 1980er Jahren wichtige familien- und gleichstellungspolitische Voraussetzungen für eine hohe Väterbeteiligung geschaffen, die in den deutschsprachigen Ländern bis heute fehlen: ein flächendeckendes Kleinkinder-Betreuungssystem, eine geschlechtergerechte Gleichstellungspolitik, die am Doppelverdiener-Modell orientiert ist und gleichstellungspolitische Steuer-Anreize bietet sowie eine wirtschaftsorientierte, männergerechte Förderkampagne für familienfreundliche Unternehmenspolitik.

Die hohe Väterbeteiligung an Elternzeit in Schweden hat den Nachweis erbracht, dass mit der richtigen Kombination von familien- und gleichstellungspolitischen Maßnahmen aktive Vaterschaft als neues Rollenmuster von Männlichkeit erfolgreich gefördert werden kann. Es hat sich gezeigt, dass familiäre Erwerbstätigkeitsmuster in engem Zusammenhang zu nationalen Regelungen des Wohlfahrtssystems und des Arbeitsmarktes stehen und die Grundlagen für eine ausgewogenere Rollenverteilung von Mann und Frau schaffen [38]. Die familienpolitischen Gesetzgebungen prägen die dominanten Vorstellungen über die Aufteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen Frau und Mann und deren individuelle Haltungen und Wertvorstellungen korrelieren hoch mit den familienpolitischen Strukturen der Länder, in denen sie leben [31:5].

Die Wohlfahrtssysteme der skandinavischen Länder sind auf das „Doppelverdiener-Modell“ ausgerichtet, dass beide Elternteile ermutigt, berufstätig zu sein und gleichzeitig die unbezahlte Arbeit in der Kinderbetreuung zu teilen. Ermöglicht wird dies durch breit ausgebaute staatliche Kinderbetreuungssysteme. In den deutschsprachigen Ländern dagegen war bis über die 1970er Jahre hinaus das klassische „männliche Ernährermodell“ dominant – der voll erwerbstätige Mann und die auf Haushalt und Kinderbetreuung spezialisierte Hausfrau. Die Erwerbstätigkeit der Frauen ist seitdem in den deutschsprachigen Ländern zwar stark angestiegen, aber es bestehen bei der Arbeitsmarktintegration noch große Defizite. Besonders das Fehlen von externer Ganztagesbetreuung für Kleinkinder bis zu 3 Jahren erschwert erwerbsorientierten Frauen die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf [1]. Viele Mütter kehren in einer Teilzeitstellung in den Arbeitsmarkt zurück und erhöhen schrittweise ihr Teilzeitpensum. Dieses Modell der Erwerbsbeteiligung wird als „weibliches Zuverdiener-Modell“ bezeichnet [38].

Am deutlichsten hat sich das erfolgreiche Elternzeit- und Doppelverdiener-Modell Schwedens auf den Familienzusammenhalt ausgewirkt. In Schweden ist parallel zur Einführung des „daddy- month“ – und damit der steigenden Anzahl von Vätern, die Elternzeit beziehen – die Scheidungsrate stark gesunken, während sie in vielen anderen Ländern weiter gestiegen ist [35]. Eine schwedische Studie stellte fest, dass Familien, in denen Väter beim ersten Kind Elternurlaub bezogen hatten, das Scheidungsrisiko nahezu um 30% niedriger war, als in Familien, in denen Väter darauf verzichtet hatten [39].

In Schweden sind eine Reihe von Forschungen geleistet worden, die repräsentative Aussagen über die Auswirkungen des Bezugs von Elternzeit auf aktive Vaterschaft und die Vater-Kind-Beziehung erlauben. Schwedische Väter beziehen ihre Elternzeit mehrheitlich nach der Geburt und/oder im zweiten Lebensjahr ihres Kindes [40]. Für Väter, die mit der Mutter des gemeinsamen Kindes zusammenleben und die Elternzeit bezogen haben, wirkt sich dies positiv auf die Vater-Kind-Beziehung aus. Diese Väter verbringen nach Ablauf der Elternzeit – also nach erfolgter Wiederaufnahme der Erwerbsarbeit – weniger Stunden am Arbeitsplatz und widmen ihrem Kind mehr Zeit. Dies trifft auch auf getrennt lebende Väter zu, aber in geringerem Maße. Erklärt werden diese Beobachtungen damit, dass Elternzeit die Bindung zwischen Vater und Kind so stärkt, dass diese auch nach der Rückkehr des Vaters in die Arbeitswelt oder nach einer Trennung bestehen bleibt [41].

Die Annahme einer erfolgreichen Vater-Kind-Bindung wird auch bestätigt durch den WHO-Bericht von 2007 zum Thema Vaterschaft und Gesundheit [42]: Je mehr sich Väter während und nach der Geburt engagieren, umso ausgeprägter ist ihre Bindung zum Baby [43]. Väter mit einer guten Bindung zu ihrem Baby nehmen auch am Aufwachsen des Kindes intensiver teil [44]. Männer, die eine längere Elternzeit beziehen, entwickeln insgesamt eine stärkere Familienorientierung [45,46]. Zudem haben verschiedene Studien nachgewiesen, dass das größere Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Rollen als Partner, Vater und Berufsmensch sich positiv auf die Gesundheit von Männern auswirkt [47]. Positiv wirkt sich Elternzeit auch auf die Geburtenrate aus: Die Wahrscheinlichkeit, ein zweites Kind zu bekommen, ist in denjenigen Familien deutlich höher, in denen auch der Vater Elternzeit in Anspruch nimmt [48,49].

Quellen

  1. Duvander A, Ferrarini T, Thalberg S: Swedish parental leave and gender equality. Achievement and reform challenges in a European perspective. Arbeitsrapport. Stockholm: Institute for Future Studies; 2005.

  2. von Bresinski B: Aktive Vaterschaft und Beruf vereinbaren. Elterngeld und Elternzeit für Väter im europäischen Vergleich. In Das Väter-Handbuch. Theorie, Forschung, Praxis. Edited by Heinz W, Eickhorst A. Gießen: Psychosozial; 2011, in press.

  3. Österreichische Gesellschaft für Europapolitik [http://www.oegfe.at/cms/uploads/media/Tabelle_211210_01.pdf]

  4. Lamb M, Hwang C, Broberg A, Bookstein F, Hult G, Frodi M: The Determinants of Paternal Involvement in Primiparous Swedish Families. International Journal of Behavioural Development 1988, 11: 433-449.

  5. Bennhold K: In Sweden, Men can have it all. New York Times; June 9, 2010.

  6. Bergmann H, Hobson B: The coding of fatherhood in the swedish welfare state. In Making men into fathers. Men masculinities and the social politics of fatherhood. Edited by Hobson B. Cambridge: University Press; 2002.

  7. Pfahl S, Reuyß S: Das neue Elterngeld. Erfahrungen und betriebliche Nutzungsbedingungen von Vätern – eine explorative Studie. Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung; 2009.

  8. Hofäcker D: Vom Ernährer- zum Zweiverdienermodell. Bestandesaufnahme und internationale Perspektiven. Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg (ifb); 2009.

  9. Olah L: Gendering family dynamics: the case of Sweden and Hungary. Demography Unit Dissertation Series 3. Stockholm University, Stockholm, 2001.

  10. Ekberg J, Eriksson R, Friebel G: Parental leave – A policy evaluation of the Swedish “Daddy-Month” reform. Discussion Paper No. 1617, Bonn: Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit; 2005.

  11. Duvander A, Jans A: Consequences of fathers’ parental leave use: Evidence from Sweden. Finnish Yearbook of Population Research, Helsinki; 2009.

  12. World Health Organization: Fatherhood and Health in Europe. A summary report. Kopenhagen: WHO Regional Office for Europe; 2007.

  13. Sullivan J: Development of father-infant attachment in fathers of preterm infants. Neonatal Network 1999, 18:33-39.

  14. Pruett K: The nurturing father: journey toward the complete man. New York: Warner Books; 1987.

  15. Mansdotter A: Health, economics and feminism. On judging fairness and reform. Umea University, Faculty of Epidemology and Public Health Sciences, Department of Public Health and Clinical Medicine, 2006.

  16. World Health Organization: Fatherhood and Health in Europe. A summary report. Kopenhagen: WHO Regional Office for Europe; 2007.

  17. Johansson G: Arbete, familj, flexibilitet. In Hela folket i arbeite? Edited by Swedish Concil for Working life and Social Research. Stockholm; 2002.

  18. Ronsen M: Impacts on fertiliy and female employement of parental leave programs. Evidence from three nordic countrys. Paper; 1999.

  19. BMFSFJ: Wohlfahrtsstaatliche Einflussfaktoren auf die Geburtenrate in europäischen Ländern, Evi-denzen aus Schweden, Finnland, Norwegen und Frankreich. Berlin: BMFSFJ; 2010.