Fünf Männer, zehn Kinder und ein Supersommer

Aktive Papis nehmen sich Väterzeit 


Bernhard von Bresinski I Dezember 2015

 

An dunklen Wintertagen ist nichts so schön, wie die hellen Erinnerungen an die sonnigen Sommertage am See. Es ist eine Weile her, es war im Supersommer Zweitausendundfünfzehn2015, da ereignete sich auf dem Naturfreunde-Campingplatz Aschbach am Greifensee etwas Ausser-gewöhnliches, das eigentlich ganz normal sein sollte. 

Fünf Männer auf ihren vollbepackten Tourenvelos, fuhren je mit einem Kinderanhänger im Schlepptau auf die Wiese am See. Und mit dem Murmeln, Kichern und Schreien wurde klar: Fünf Väter sind es, mit zehn Kindern – und? Immer wieder mal ein verstohlener Blick: Wo sind denn die Mütter, kommen sie noch? Aber mit der Zeit wurde das Unerwartete Realität: Da wird keine Mutter kommen. Denn die fünf Väter waren ganz für ihre Kinder da. Windeln wechseln, in den Arm nehmen und trösten, zusammen baden im See, Essen zubereiten auf dem Camping-Kocher, im Schatten Siesta machen und am Abend Gute-Nacht-Lieder singen. Je mehr man den Vätern zuschaute, umso klarer wurde: Das sind nicht nur Weekend-Väter, sondern das sind Routine-Papis, die das mit links machen wie Mamis – und doch alles irgendwie anders angehen.

UNTER VÄTERN LÄUFTS ANDERS

Meine siebzehnjährige Tochter und ich hatten im Frühling 2015 entschieden, dass wir für die Sommersaison in ein Hauszelt an den Greifensee ziehen. Da So konnte ich mich meine grosse Neugier nicht mehr zurückhalten, ich bin auf die Männer zugegangen und habe sie gefragt: Wie kommt ihr dazu, so mit Euren Kids unterwegs zu sein? Nun, es waren Papis aus Zürich, alle zwischen dreissig und vierzig Jahren alt, die sich fast jeden Don-nerstag treffen., Aan diesen Donnerstagen, ihrem Vatertag,, gehen sie auch oft zu zweit oder dritt mit den Kids auf die Josefswiese gehen (ein Park im Kreis 5 von Zürich). Sie sind eine Männergruppe, die Vaterschaft und Freundschaft verbinden. Und alle fünf – - Anton, Jörg, Tom, Lukas und Markus –- bestätigen, dass es so unter Vätern ohne Mütter einfach anders laufe. Das wollte ich genauer wissen: wie anders? Ja, so im Männer-Pulk sei es halt sehr unkompliziert, wenn Frauen dabei wären, hat habe das schon das Potential , rasch kompliziert zu werden. 

Unkompliziert, was heisst denn das? „Ja, wenn die Kinder dreckig sind, das sind sie halt dreckig.“ Wenn sie was Wildes tun, dann lassen Papas sie eben machen. Tendenziell würden die Väter den Kindern mehr zutrauen, als die Mütter. In dem Sinn jedenfalls, dass sie mehr Risiken erlauben, die die Kinder eingehen dürfen. Zum Beispiel ohne Flügeli schwimmen beispielsweise, Sand in den Mund nehmen und ihn drin lassen, bis er wieder raus kommt, sich weh machen und das stehen lassen. Markus sagt dazu: „Wenn dann etwas passiert, wird das sehr unspektakulär aufgenommen“. Jürg erzählt: „Meine Kleine ist vom Bank gefallen, sie hat stark geweint – und die Reaktion der Männer war ein Schulterzucken ohne grosses Aufheben: „Jetzt ist sie halt runtergefallen“. Tom meint: „Ich verstehe das als einen wichtigen Teil meiner Vaterrolle, meine Tochter aus der Schutzzone zu locken – ja das ist eigentlich ein ziemlich traditionelle Rolle des Vaterseins“. Da unterbricht er das Gespräch, zieht dem unruhigen Bueb auf seinem Schoss ein Oberteil an, schmiert ihm die Beine mit Sonnencreme ein und gibt ihm ein Bilderbuch zum Anschauen. Dann reden wir weiter.

POSITIVE FEEDBACKS NERVEN

Im weiteren Gespräch in der Runde wird deutlich, dass alle fünf Männer Teilzeit arbeiten – fast alle achtzig Prozent – - und dass alle fünf studiert haben. Auch die Partnerinnen arbeiten Teilzeit – aber deutlich weniger. Ein Maschineningenieur, ein Politikwissenschaftler Geograph tätig in der Entwicklungshilfe, ein Softwarespezialist der ETH, zwei Elektroingenieure –- einer tätig als Fachhochschuldozent. Anton findet: „Wir sind uns total bewusst, wie privilegiert wir sind, wir konnten alle studieren, wir haben Partnerinnen, die Teilzeit arbeiten und es war für uns alle möglich zu reduzieren. Vier arbeiten achtzig Prozent und einer sechzig Prozent. Lukas erklärt: Mit achtzig Prozent  kannst Du gut eine Projektleitung machen, mit 60%sechzig Prozent aber ist es schwierig ohne Einbussen. 

Markus ärgert sich über das häufige Lob im öffentlichen Raum: „ Wir bekommen sehr viele positive Feedbacks. Es geht mir richtig auf den Sack. Es zeigt, wie sehr  wir in der Schweiz noch konservativ sind, dass wir so positiv auffallen.“ Lukas nuanciert: „Auf der anderen Seiten kommt es auch häufig vor, dass wir von Müttern böse Blicke kriegen, weil wir Männer unsere Kinder stärker gewähren lassen – man spürt förmlich, dass sie uns zu rascherem Intervenieren animieren möchten.“  Tom bilanziert: „Als Vater die Kinder für mich alleine zu haben, das ist das Grösste und Wichtigste für mich“. 

Wie sehr diese Männer auf die Unterstützung ihrer Partnerinnen zählen können, wird deutlich an den Berufen und Arbeitspensen der Frauen. Die Frau von Anton ist Psychotherapeutin und arbeitet vierzig Prozent, die Frau von Markus ist Primarlehrerin und arbeitet dreissig Prozent, jene Markus ist ebenfalls Primarlehrerin und arbeitet vierzig Prozent, die getrennte Frau von Tom arbeitet fünfzig Prozent und die Frau von Lukas hat eine sechzig Prozent-Stelle in der Pharma-Branche. Zwei Paare hatten eigentlich geplant, dass beide Partner gleichviel, nämlich sechzig Prozent arbeiten wollen, aber dieses Ziel konnten sie nicht realisieren. Zwei Paare hatten bereits vor der Geburt die Aufteilung der Teilzeitpensen vereinbart. 

Ziemlich persönlich wurden die Gespräche, als wir über die Rollenteilung im Alltag sprachen. Sie unterscheidet sich bei allen fünf Paaren sehr. Markus: „Lange haben wir wegen unserem Kleinen schlecht geschlafen, dann haben wir die Zuständigkeiten für die Nächte klar aufgeteilt. Das brachte Entlastung. Dieses System haben wir dann beibehalten.“ Oder: „Am Wochenende haben wir immer wieder getrennte Zeit mit klarer Verantwortung. Wenn wir zu zweit zu den Kindern schauen, ist das nicht unbedingt einfacher.“ Die Rollenteilung im Haushalt ergibt sich oft aus den Präferenzen und ist deutlich geschlechter-stereotyp geprägt: „Sie kocht gerne und ich kümmere mich gerne um die Hauselektronik,  – beschaffe die Geräte“. Oder: „Sie putzt und kümmert sich um die Ordnung,  – ich bin zuständig für Einkauf und Entsorgung – das haben wir so abgesprochen“. 

OHNE ELTERNZEIT  KEINE GLEICHBERECHTIGUNG

Am Tag darauf liegen die Männer in der grossen Mittagshitze im Schatten eines grossen Baumes – und die kleinen Kids liegen daneben im Gras und schlafen. Wir beginnen über die Gründe zu diskutieren, warum wohl Teilzeitpensen unter Vätern in der Schweiz noch wenig verbreitet sind, obschon die meisten Väter sich das wünschen. Dabei kristallisieren sich drei Hauptgründe heraus: 

Erstens: Die „Teilzeitphobie“ der Chefs, das heisst d.h. die stereotype Überzeugung, dass generalisierte Teilzeitlösungen für ein Unternehmen von Nachteil sei.  Für kleinere Firmen sei das tatsächlich nicht einfach zu lösen, aber für grössere Firmen wäre das kein Problem – es sei einfach eine Frage der Kultur. Anton: „Wir haben in unserer Software-Firma grosses Glück, der Chef ist selbst aktiver Vater und es ist für ihn einfach selbstverständlich, dass Väter Teilzeit arbeiten. Lösungen finden sich immer, wenn man sich gut organisiert.

Zweitens: Die „pseudo-aktiven“ Väter, das heisst d.h. die Lippenbekenntnisse der Väter, die vorgeben, dass sie gerne aktive Väter wären, aber nicht viel dafür tun. Es kommt gut an, wer sich als aktiver Vater präsentiert, aber viele reden sich raus mit Begründungen wie: „Ich weiss im Voraus, dass das nicht geht“ oder „weißt du, meine Job ist so wichtig, das geht nicht“. –  Anton findet: Das allgemeine Erklärungsmuster „ich würde gerne, aber ich kann nicht“ sei vorauseilender Gehorsam.

Drittens: Die fehlenden Massnahmen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.  Für die fünf Männer ist das Hauptthema einhellig der Vaterschaftsurlaub,  - der bei der Geburt eines Kindes automatisch gewährt werden sollte. In der  Praxis kann das sehr unterschiedlich sein. In der einen Firma gibt es zwei Wochen Vaterschaftsurlaub, in anderen nur eine Woche und dann gibt es welche, die kriegen gerade mal zwei Tage. Tom meinte: „Es ist absurd, für einen Todesfall gibt’s drei Tage frei – für die Geburt zwei Tage“.  Doch gerade beim Thema „Vaterschaftsurlaub“ wurde die privilegierte Situation der Akademiker sehr deutlich. Für einige der frisch gebackenen Väter war es keine grosse Sache eine zusätzliche Woche Ferien oder eine unbezahlte Woche Urlaub für den Urlaub zusätzlich zu organisieren. Vier der fünf Männer sprachen sich entschieden für die Einführung eines Elternzeit-Modells ein. Anton meinte: „Schau doch unsere Situation an – ohne Elternzeit-Modell gibt es keine Gleichberechtigung.!“ Lukas – tätig in einem kleineren Ingenieurbüro – war sich nicht so sicher, ob das im Rahmen einer kleinen Firma überhaupt tragbar wäre. Einig waren sich die Männer darin, dass es unbedingt flexible institutionelle Rahmenbedingungen braucht, die Väterzeit fördern.

Für mich als Vater, dessen Töchter nun schon erwachsen sind, war die Begegnung mit diesen Papis ein sehr bereicherndes Erlebnis. Wir konnten feststellen, wie gross die Unterschiede nur zwischen einer Väter-Generation sind und trotzdem gerne über die neueste Outdoor-Ausrüstung fachsimpeln. Wir diskutierten viel über Geschlechterfragen und Politik, wenn nicht gerade ein Kind etwas brauchte. Wir spürten eine Zugehörigkeit, in dem was uns als Väter wichtig ist: Zum Beispiel die kleinen Rituale ums Essen und Schlafen, wie  - gemeinsames Zähne putzen, aus einem Buch vorlesen und oder ein paar Gute-Nach-Lieder singen.