Männer-Initiation: James Bond - ein Held?

Vom 0815-Agenten zum reifen Mann

„Wann ist ein Mann ein Mann?“ Grönemeyer sang das Lied vor Jahrzehnten. Die Frage ist immer noch aktuell. Und darauf hat sich in den letzten dreissig Jahren eine alte Antwort neu entwickelt: für eine reife, persönlich gestaltete Männlichkeit setzt eine moderne Initiation wichtige Impulse. Nicht eine Initiation, die Männer abhärtet, zurichtet oder uniformiert - davon erleben Männer zuviel - , sondern eine Einweihung in die nährende Welt von authentischen Männern, die zu ihren Bedürfnissen stehen, ihre Gefühle leben,  stimmige Entscheide fällen und ihre Verantwortung teilen. Dahin bringen wir Männer nur, in dem wir sie an ihre inneren Grenzen führen.

Der Spruch „Indianer kennen keinen Schmerz“ ist ein Erfindung der Weissen, für die Eingeborenen Amerikas war es gerade umgekehrt: sie haben das Zulassen von Schmerz kultiviert und transzendiert. Moderne Männer-Initiation - rituelle Männer-Arbeit - führt in Räume, wo Männer lernen, ihre Verletzlichkeit mit den entsprechenden Gefühlen von Schmerz, Trauer und Wut authentisch zuzulassen und anzunehmen. Das braucht Mut.

In fast allen Gesellschaften und Kulturen wurden für Männer Rituale der Initiation entwickelt – viel mehr als für Frauen.  In den allermeisten Kulturen wächst man nicht zum Mann heran, sondern wird zum Mann gemacht. Frauen haben durch ihre biologisch gegebenen Erfahrungen der Menstruation und des Gebärens einen natürlichen und körperlichen Zugang zu Schmerz und Blutungen. Männer dagegen müssen – um ihre Verletzlichkeit zu erfahren und zu reifen – aus der Welt der Mütter herausgeführt, sowie mit ihren körperlichen und mentalen Grenzen konfrontiert werden. Dies ermöglicht eine seelische Öffnung und bringt Männer in Verbindung mit sich selber, mit Mitmenschen und mit der Natur. Umso mehr, als sie so sozialisiert sind, sich immer wieder auf unverbundene Art stark zeigen zu müssen.

„My name is Bond - James Bond.“ Agent 007. – Ungebrochen bleibt die Faszination für dieses phantastische Männlichkeits-Modell: der coole Held, königlich souverän, topgerüstet mit magischer Technologie, allzeit bereit zum Revolver-Fight und ein unwiderstehlicher Liebhaber! Wie kommt es, dass diese filmische Bubenphantasie für so viele Zuschauer eine attraktive Männer-Figur geblieben ist? Wie schafft es diese Hollywood-Attrappe Sehnsüchte zu wecken? 

Ist 007 ein König der Verantwortung? Nein! - Kämpft 007 für den Frieden?  Njet. – Lebt 007 die Magie der Weisheit? Nee, aber ne tolle Portion Inuition hat er schon. Ist 007 seiner Frau ein bindungsfähiger Mann und seinen Kindern ein anwesender Vater? Ein schlechter Witz! Zeigt er sich mal verletzlich oder weint er sogar? Wo denkst Du hin! Nein, er ist einfach ein knallharter, durchtrainierter, risikosüchtiger und verführerischer Typ mit einer Lizenz zum Töten. Ok, OO7 ist cooler Mythos – und Humor hat er auch.  Aber was finden wir Männer toll an ihm? Was fasziniert sie im Grunde so sehr? 

Die Antwort mag überraschen: 007 ist einfach ein toller Agent mit Sex-Appeal und schnellen Autos. Das reicht. Die meisten Männer haben einen superguten Agenten in sich, der sich gerne kaufen lässt. Einer, der sich in den Dienst der Anderen stellt und für seinen Auftrag das Beste gibt. Männer, die ihre wahren Bedürfnisse automatisch über-gehen, weil sie so gut trainiert sind, die Erwartungen der Anderen zu erfüllen. Weil sie die Anerkennung suchen, die sie von den Vätern nicht bekommen haben. Die meisten Männer stehen in Firmen und Institutionen in ihrer Position in einem fremdbestimmten Dienst: Lehrer, Informatiker, Handwerker, Banker, Polizisten, Therapeuten und Unternehmer. Und die Chefs stehen im Dienst einer höheren Gewalt – der öffentliche Hand, des Verwaltungsrats oder des Wachstumszwangs.

In der Lebensmitte kommt dann oft eine Midlife-Crisis oder eine Übergangskrise. Die Männer merken, dass sie gar nicht wissen, wer sie sind. Die Krisen bringen sie durcheinander: Unfälle, Krankheit, Burn-Out, Unzufriedenheit im Beruf oder Trennung bzw. Scheidung. Dann ist eine tiefe Neu-Orientierung angesagt. Plötzlich zerbrechen die guten Illusionen und Männer realisieren, dass sie irgendwie noch grosse Jungen geblieben sind. 

In der Regel befinden sich die Teilnehmer von Seminaren für Männer-Initiation in der zweiten Lebenshälfte. Sie haben die Aussenwelt erobert – d.h. sie haben ihre Ausbildung, berufliche Positionierung und/oder Familiengründung hinter sich - und bekommen das Bedürfnis,  ihre Innenwelt kennenzulernen und damit ihre inneren Stärken zu entwickeln. Die Aussenorientierung der Männer, ihre Agentenschaft im Dienste der Leistungsorientierung, ist eine starke Schattenseite des Kriegers. 

Um sich auf den mitunter schmerzvollen Weg nach innen zu begeben, brauchen Männer die initierende Durchsetzungskraft des lichtvollen Kriegers. Oft sind es die oben genannten Übergangskrisen, die Männer auf diesen Weg führen. Also gerade jene Erfahrungen, die ein James Bond nie machen muss. Um in ihrer Gefühlswelt nachzureifen, hilft Männern das mitfühlende Mitschwingen eines haltgebenden Männerkreises und das wertschätzende Vorbild von erfahrenen Mentoren. 

Die Arbeit mit den vier Archtypen im Jahreszyklus – innerer Krieger, Liebhaber,  Magier und König – ermöglicht eine Reise zu den Kraftquellen eines reifen Mannseins. Jedes Seminar setzt sich mit einem Archetypen auseinander, erfahrungsorientiert und spielerisch. Die vier Folgeseminare im Jahreszyklus verbinden die männlichen Archetypen mit den Jahreszeiten und entwickeln ein neues Bewusstsein für Übergangs- und Wandlungszeiten im Kontakt mit der Natur.

 

Zum Autor: Bernhard von Bresinski, *1965, Studium der Philosophie & Sozialwissenschaften in Zürich und Paris, Biosyntese-Ausbildung 1997-2001, seit 2002 körperpsychotherapeutisch tätig, Referent und Supervisor, Praxis für Persönlichkeitsentwicklung, Männer-Seminare & Naturrituale.