Pornographie als Populärkultur

Buchbesprechung

Sven Lewandowski (2012): Die Pornographie der Gesellschaft. Beobachtungen eines populärkulturellen Phänomens, Transcript Verlag, Bielefeld


Ich liege an einem sonnigen Sandstrand und schreibe nun diese ersten Zeilen über dieses Porno-Buch der sozialtheoretischen Art. Was ich daran besonders geniesse ist, dass es in keiner Weise latente sexuelle Wünsche bedient, sondern diese eloquent analysiert und meinen männlichen Geist in einen wohltuenden Erregungszustand versetzt, der sich einstellt, wenn er intellektuelle Ahaerlebnisse in Hülle und Fülle erlebt.

Manchmal schweift mein Blick zu den fast nackten Frauen- und Männerkörpern und ich ertappe mich von Zeit zu Zeit bei diesem ganz normalen Strand-Voyeurismus, der diskret und ungeniert die vielfältigen Topographien von nackter Haut betrachtet. Und die Art und Weise wie in diesem öffentlichen Raum mein Blick an nackter Haut hängen bleibt, ist manchmal gar nicht so weit entfernt vom pornographischen Voyeurismus, wie ihn Lewandowski beschreibt. 

Voyeurismus ist die augenfälligste pornographische Phantasie und konstituiert pornographische Praxis. Jegliche visuelle pornographische Szene ist per definition voyeuristisch angelegt. Die erogene Zone des Voyeurismus ist das Auge, dessen Blick sich an den erotischen Handlungen anderer Menschen ergötzt und zu sexueller Erregung führt. Nun, die Existenz von Badeanstalten mit kaum noch bekleideten Menschen ist für die modernen Gesellschaften erst vor etwas mehr als fünfzig Jahren selbstverständlich geworden. Ebenso hat sich der gesellschaftliche Umgang mit der auf ein paar Mausklicks verfügbaren Hardcore-Pornographie eben erst gerade als ein Teil der zeitgenössischen Populärkultur normalisiert. 

Anstatt fruchtlose normative Debatten über die Gefährlichkeit und Verwerflichkeit von Pornographie weiterzuspinnen, stellt Levandowski die Frage nach dem Verhältnis der modernen Gesellschaft zu „ihrer“ Pornographie auf höchst differenzierte und vielschichtige Weise. Er verbindet psychanalytische, genderspezifische, techniksoziologische und systemtheoretische Perspektiven zu einer schlüssigen Sozialtheorie der zeitgenössischen Hardcore-Pornographie. Äusserst wohltuend ist die intellektuelle Schärfe, Differenziertheit und Schlüssigkeit mit der hier das komplexe Feld zwischen sexueller Praxis und abweichenden Sexualitäten, zwischen Amatuerpornographie im Internet und Pornographie-Industrie, zwischen Psychoanalyse und systemtheoretischer Gesellschaftstheorie aufgespannt wird. 

Kurz gesagt versteht Levandowski Pornographie als die massenmediale und marktkonforme Inszenierung der sexuellen Wünsche bzw Tagträume einer heterosexuell dominierten Männlichkeit. Pornographische Darstellungen werden nicht nur aus feministischer Perspektive als „frauenfeindlich“ beschrieben. Allgemein wird der Pornographie vorgeworfen, sie stelle weibliche Sexualität in verzerrter und unrealistischer Weise dar und degradiere Frauen zu passiven Objekten männlicher Lust. 

In den Augen von Levandowski zeigt sich jedoch, dass nicht nur Frauen und weibliche Sexualität, sondern auch Männer und männliche Sexualität höchst verzerrt dargestellt wird. Beide Seiten werden auf sexuelle  Klischees reduziert. Vereinfacht gesagt, handeln Frauen in der Pornographie so, wie Männer es phantasieren. Frauen werden überaus häufig als aktive Verführerinnen dargestellt. Männer werden entsubjektiviert, als trieb- und schwanzgesteuert inszeniert. Aus dieser Perspektive stellt Pornographie nicht so sehr männliche Phantasien der Beherrschung von Frauen, sondern vielmehr Phantasien eines männlichen Kontrollverlustes dar: es geht im Kern darum, dass sich heterosexuelle Männer wünschen, von einer als belastend empfundenen überrationalen Subjektivität erlöst zu werden.