Väter- und Elternzeit in Europa - Eine Übersicht

Wie steht es um Väter- und Elternzeit in Europa? Eine Übersicht.
 

Aktive Vaterschaft bezeichnet die erhöhte Beteiligung von Vätern in der Erziehung, der Betreuung der Kinder und den Familienbeziehungen. Eine aktive Rolle des Vaters hat nachweisbar positive Auswirkungen auf die soziale Kompetenz, die Schulleistungen und die Freundschaftsbeziehungen die Entwicklung von Kindern. 

Vaterschaftszeit bzw. Vaterschaftsurlaub ist in europäischen Ländern in der Regel zwei Wochen lang. Er kann, wie die Mutterschaftszeit, nur nach der Entbindung eines Kindes bezogen werden. In der Schweiz gibt es - wie in allen deutschsprachigen Ländern - keinen Vaterschaftsurlaub. Norwegen hat vier Wochen, Schweden, Dänemark und Island haben zwei Wochen und Finnland hat eine Woche Vaterschaftszeit. 

Vaterschaftsurlaub in der EU: Im April 2017 hatte Brüssel eine neue Richtlinie zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf vorgeschlagen. Zehn Tage Vaterschaftszeit bei der Geburt des Kindes für alle Väter Europas, mehr Elternzeit und das Recht auf eine Pflegewoche für Angehörige: Jungen Eltern und all jenen, die ihren kranken Ehepartner oder die Großeltern betreuen müssen.

Im Februar 2019 wurde nach harten Verhandlungen ist das Paket nun so gut wie geschnürt. Die endgültige Annahme durch den EU-Rat und das Parlament steht zwar noch aus. Die zehn bezahlten Papa-Baby-Tage, die übrigens der Frauenausschuss des EU-Parlaments schon 2009 gefordert hatte, konnte die Kommission zwar durchsetzen. Aber diese dürfen mit bestehenden Ansprüchen verrechnet werden. In zahlreichen Staaten, darunter Deutschland, ändert sich daher gar nichts. In Ländern, wo Väter zusätzliche Ansprüche erhalten, sollen die Regierungen selbst über die Finanzierung entscheiden.

Europäische Väterplattform PEF (Platform of European Fathers),  wurde gegründet 2011, wirbt gegenüber der EU-Sozialpolitik für aktive Vaterschaft und für eine gleichberechtigte Arbeitsteilung und Sorge für die Kinder. Sie setzt sich besonders für die gesonderte Vaterschaftszeit und bezahlte Elternzeit ein.

Elternzeit mit Elterngeld. Bezahlte Elternzeit bietet Eltern die Möglichkeit, zwischen 9 bis 14 Monaten bezahlte Familienzeit zu beziehen. Die Eltern können sich die Elternzeit frei aufteilen – abgesehen von der reservierten Elternzeit (Papamonate). Elternzeit wird zusätzlich zur Mutterschaftszeit zur Verfügung gestellt – in den skandinavischen Ländern auch zusätzlich zur Vaterschaftszeit. In Schweden, Norwegen, Dänemark und Island nutzen durchschnittlich 80% der Väter Elternzeit. In Deutschland, wo erst 2007 bezahlte Elternzeit eingeführt wurde, nutzen nun bis zu 40% der Väter Elternzeit. Die Schweiz hat kein Elternzeit-Modell. Es gibt auch Länder mit unbezahlter Elternzeit, d.h. gesetzlich geregelte Ansprüche für Elternzeit ohne Elterngeld. Die unbezahlte Elternzeit wird durch Väter nicht genutzt, sondern nur durch Mütter. Sie fördert eine traditionelle Rollenteilung.

Erfolgsfaktoren für Gleichstellung in Familie und Beruf: Die Gleichstellung in Familie und Beruf wird durch die Einführung von Elternzeit- und Eltergeld nicht automatisch gefördert. Dies ist nur der Fall, wenn Väter Elternzeit breit in Anspruch nehmen und Mütter rasch in den Beruf zurückkehren können. Mütter kehren erst dann rasch zurück in den Beruf, wenn das frühkindliche Betreuungssystem - Ganztagesbetreuung – von 1 bis 3 Jahre – gut ausgebaut ist. Aktive Väter blieben nach Bezug der Elternzeit nur dann nachhaltig involviert, wenn die Partnerin auf den Arbeitsmarkt zurückkehrt.

Erfolgsfaktoren für Elternzeit-Modelle: Von zentraler Bedeutung für den Erfolg von Elternzeit-Modellen ist die breite Nutzung durch Väter. Dafür müssen drei Bedingungen erfüllt sein: 1) Es gibt einen Kündigungsschutz und das Einkommen ist zu 67-80% garantiert, 2) es gibt für Väter reservierte Elternzeit - sogenannte „Papamonate“ - und 3) eine flexible Vereinbarkeit mit dem Beruf, d.h. Teilzeitlösungen sind möglich und rechtlich durchsetzbar. 

Pflegezeit. Bei Krankheit eines Kindes kann ein betrieblich oder gesetzlich geregelter Anspruch sein: Er ermöglicht, dass sich auch Väter um ihre kranken Kinder kümmern können. Schweizer Berufstätigen stehen maximal drei Tagen zu.  In Schweden stehen 60 Tage Pflegezeit zur Verfügung – auch für eine von den Eltern beauftragte Person.

Vereinbarkeit von Familie und Berufwird in der europäischen Union als zentraler Faktor gesehen, der einen positiven Einfluss auf die Karriere- und Familienplanung und die Geburtenrate hat. Elternzeit mit einem grosszügigen  Elterngeld, kombiniert mit sozialen Absicherungsmassnahmen wird als notwendig gesehen, um die europäischen Beschäftigungsstrategien umzusetzen. Dazu gehört vor allem auch die Erhöhung der Frauenerwerbsquote. 

Bernhard von Bresinski, lic. phil. Philosophie & Soziologie, Elternzeit-Experte, Praxis für Körperpsychotherapie & Paarberatung, Männer-Seminare mit Schwitzhütte und Tanz, www.bvonb.ch

Quellen Bernhard von Bresinski (2012): Aktive Vaterschaft und Beruf vereinbaren. In: Das Väter-Handbuch (2012)
Heinz Walter, Andreas Eickhorst (Hg.): Das Väter-Handbuch. Theorie, Forschung, Praxis. Psychosozial-Verlag 2012

Erstmals veröffentlich im Juni 2012 in der Männerzeitung. Aktualisiert im Juni 2019