Väter zu Besuch in Ausschwitz

Internationales Väter-Treffen in Polen - Vom 27.- 29. März 2014 fand das 4. und letzte internationale Väterarbeits-Treffen in Krakau statt. Die drei intensiven Konferenztage in Polen haben für die Väterarbeit wichtige Impulse gesetzt. Die Begegnungen mit den rund dreissig engagierten Väterarbeitern aus Polen, Deutschland, und Österreich waren sehr anregend. Der gemeinsame Besuch im ehemaligen Juden- und Menschen-Vernichtungslager der Nazis in Auschwitz hat viele der teilnehmenden Männer erschüttert. Der Besuch in Polen hat in Erinnerung gerufen, wie sehr Männlichkeit durch Kriegserfahrungen geprägt ist – auch heute noch – und gerade in Polen.

Feudales Wohnen und Konferieren im ältesten Kloster von Polen - Die Konferenz war in der Form einer „Lernpartnerschaft“ konzipiert – das Ziel war, dass die anwesenden Vertreter aus der Väterarbeit voneinander lernen. Das Treffen fand nicht weit von Krakau statt - im ältesten polnischen Kloster gegründet 940 n.Ch. - eine grosse Anlage auf einem Felsenhügel– mit einer wunderbaren Aussicht auf die Weichsel, die dort durch die Ebene fliesst. Das Benediktiner-Kloster wurde seit dem 2. Weltkrieg laufend renoviert und bietet heute Übernachtungs-Möglichkeiten und Konferenzräume auf hohem Niveau (www.domgosci.benedyktyni.com). Bedient wurden wir von Mönchen in der schwarzen Kutte in einem sehr offen gestalteten Ambiente. Noch nie habe ich mich in einem Kloster so wohl gefühlt.

Die Bilanz der vier Lernpartnerschaftstreffen - Das Treffen in Polen war die letzte von vier Konferenzen, die zuerst in Salzburg (OE), Aarau (CH) und Unna (D) stattgefunden hatten. Es waren immer auch Reiseprojekt, wo vor Ort Einrichtungen der Väterarbeit besucht wurden. Die über mehrere Jahre angelegte Lernpartnerschaft von Vätern wurde initiert durch das Väterzentrum Berlin (www.vaeterzentrum-berlin.de). Frankreich und Schottland konnten leider nicht mitmachen. Die vier Treffen haben viele neue Verbindungen und Kooperationen ermöglicht. Besonders haben die polnischen Vertreter profitiert. In Polen gab es vorher keine Väterarbeit und durch das Projekt wurde sie initiert. Gezeigt hat sich, dass es einen grossen Nachholbedarf im rechtlichen und politischen Bereich gibt. Das Treffen in der Schweiz hat deutlich gemacht, dass die materiellen Unterschiede in der EU die Organisationsmöglichkeiten für eine solche Lernpartnerschaft ziemlich einschränken. Andreas Borter, der Initiator der schweizer Väterbewegung, hatte grosse Anstrengungen unternommen, um das Treffen in der Schweiz für die polnischen Gäste bezahlbar zu machen. 

Das Einkommensgefälle unter den Teilnehmern - So waren auch im Kloster die für unsere Verhältnisse günstigen Preise für die polnischen Kollegen zu hoch, sie mussten bei Familien und Bekannten in der Region übernachten. Diese simple Tatsache hat bewusst gemacht, dass es für Väterarbeit auch Geldquellen braucht – die heute in Deutschland, Österreich und Polen vorwiegend kirchlich organisiert ist. Und so waren die polnischen Kollegen für das tolle, informelle Abschlussessen im feudalen Restaurant der Altstadt nicht mehr dabei - sie hätten sich das Essen dort nicht leisten können: in einem feudalen Rittersaal, mit Rüstungen und Waffen an der Wand, sassen da zwanzig Väter um eine grosse, weissgedeckte Tafelrunde, mit grossen Kronleuchtern und einer feierlichen Stimmung – doch alle noch ein bischen aus dem Tritt durch den Besuch in Auschwitz am gleichen Morgen.

Kondensierte polnische Geschichte in Krakow - Die polnischen Gastgeber haben für uns Teilnehmer eine Stadtführung organisiert – und einen Historiker, der immer da war für die polnisch-deutsche Übersetzung. Er hat uns laufend die geschichtlichen Hintergründe Polens verständlich gemacht. Wer heute nach Krakow ankommt, der ehemaligen Hauptstadt von Polen, staunt über diese wunderschöne, tausendjährige Stadt auf der Seidenstrasse, sehr schön renoviert, mit viel Charme, die vielen Läden, Cafés und Restaurants. Man kann zu jiddischer Klezmer-Muzik essen, das jüdische Stedtle hat für Touristen seinen ganz besonderen Charme und nur die Stadtführung und ein kleines Denkmal erinnern noch daran, dass die Nazis im 2. Weltkrieg alle 65'000 jüdischen Bewohner von Krakau ermordet haben. Heute ist die jüdische Gemeinde wieder auf ein paar hundert Bewohner angewachsen. „Warum so wenig?“ haben wir unseren Übersetzer gefragt. Seine Erklärungen waren ein gute Vorbereitung auf den Besuch in Ausschwitz. 

Von der Opfernation zur eingestandenen Mittäterschaft - Wer in Polen übers Land fährt, sieht, dass der Antisemtismus immer noch sehr lebendig ist. An vielen Mauern sind Davidssterne angesprayt, kombiniert mit den Initialen von Fussballmannschaften – so wird in Polen eine gegnerische Mannschaft beschimpft. Weil „Jude“ im Fussball immer noch das beliebteste Schimpfwort ist. Ein nationaler Gedenktag für die Befreiung der Konzentrationslager ist heute in Polen immer noch undenkbar, es würde zuviel politischen Widerstand geben. „Wir waren Opfer, keine Täter“ lautet das politische Credo vieler Polen, wenn es um den zweiten Weltkrieg geht. Aber man muss in Erinnerung behalten, dass erst nach 1989, nachdem Polen die volle Unabhängigkeit wiedergewonnen haben, sie sich wieder frei mit der eigenen Geschichte auseinandersetzten konnte. Gerade in den letzten Jahren ist der öffentliche Streit um Polens Mitschuld am Holocaust wieder neu aufgeflammt und hat schliesslich die Zivilgesellschaft gestärkt.

Der Besuch im Konzentrationslager Auschwitz - Roman Fenger, dem Organisator des Treffens in Krakau, war es ein grosses Anliegen, dass wir Teilnehmer auch Auschwitz besuchen. Die Begründung für seinen Wunsch war einfach: „Auschwitz ist ein wichtiger Teil unserer polnischen Geschichte, viele Leute die nach Krakau kommen, wollen dort hin, es prägt unser Denken und weckt grosse Emotionen“. Und tatsächlich: der Besuch der Konzentrationslager von Auschwitz hat sehr starke Emotionen geweckt. Zuerst war es für viele Männer einfach ein grosser Schrecken, an diesem Ort zu sein. Doch dann hat der persönliche Austausch unter den Vätern viel heilsame Prozesse ausgelöst. Es war sehr berührend zu sehen, wie diese gestanden Männer teilweise zu stolpern begannen. Wie ihre Tränen kullerten. Weil es einfach gefühlsmässig fast nicht auszuhalten war, in Birkenau auf dem gleichen Stück Erde zu gehen, auf dem Millionen von Juden in die Vergasung gehen mussten. Konfrontiert zu sein mit der totalen Unfassbarkeit dessen, was dort geschah. Die Geschichten von den Kindern zu hören, die Dr. Mengele zu Tode gequält hat. Zu realisieren, dass die Mehrheit der Lager-Nazis Familienväter gewesen waren, deren Familien vor Ort lebten – und wussten, was geschah. 

Männer- und Väterarbeit nach Auschwitz - Einer der anwesenden Väter hat für das, was Ausschwitz in ihm ausgelöst hat, ganz einfache, berührende Worte gefunden: „Das was da passiert ist, verletzt mich heute zutiefst in meinem Mann- und Vatersein. Das was geschehen ist, ist nun Geschichte, aber für mich steht nur eine Frage wichtig: „Was hat das  h e u t e mit mir zu tun?“ Diese Frage hat weitergewirkt. Viele der anwesenden Männer und Söhne haben begonnen über die Kriegserfahrungen ihrer eigenen Väter zu erzählen. Und wie schmerzvoll die Erinnerungen zu diesem Thema zum Teil noch heute sind. Auch die Schwierigkeiten der Öffentlichkeit im Umgang damit kamen zur Sprache. Dass der St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger (1891-1972), der viele Juden gerettet hat, durch die St. Galler Regierung – die Stadtväter – erst 1998 rehabilitiert wurde (www.paul-grueninger.ch). Wie die schweizer Banken durch die USA gezwungen werden musste, reinen Tisch zu machen mit den jüdischen Vermögen. Mit diesen Geschichten ist verständlicher geworden, was zu Beginn der Konferenz einige Teilnehmer empört hatte: dass polnische Männer- und Väterarbeiter mit einem in Episoden gezeigten Hollywood-Kriegsfilm Männer zum gefühlsorientierten Austausch über ihre persönlichen Themen einladen. Und damit Erfolg haben. 

Diese Artikel wurde 2014 in der Männer-Zeitung publiziert.