Vaterlosigkeit als Inszenierung der Moderne


Kürzlich hat mein ägyptischer Kollege im Niederdorf von Zürich, der den besten Falafel der Stadt macht, eine schöne Binsen­-Wahrheit gesagt: «Es ist einfach, ein Kind zu machen, es ist einfach, Kar­riere zu machen, aber es ist gar nicht einfach, ein guter Vater zu sein.» Er ist ein traditioneller Vater. Seit dem Tod seines Va­ters ist er das Oberhaupt der Grossfamilie. Er ist stolz auf sein Vater­-Sein, liebt seine vier Kinder: «Wenn ich zuhause bin und mein Kind mir ein Lächeln schenkt, dann vergesse ich alles andere, dann bin ich der glücklichste Mann der Welt.»

Der moderne Mann ist in Bezug auf sein Vaterbild ein unglücklicher Mann. Ein Mann, der sich gegen die herkömm­lichen Vater­ und Mannsbilder aufgelehnt hat und im Bruch mit der Tradition auf der Suche ist nach neuer Männer-­Bande. Moderne Männer sind Söhne, die sich von ihren Vätern ver­lassen oder nicht gesehen gefühlt haben: existentiell verletzte Männer. Und auch wenn der eigene Vater präsent war, dann wurden sie durch männliche Autoritäten verletzt. Für den Schmerz und die Scham stellen sie sich taub, sie lehnen sich auf gegen die Väter und verlassen sie. Sie wiederholen ihre Verletzungen. Und dieser traumatische Bruch wird über die Generationen weitergegeben. Und auch wenn Söhne sich mit ihren Vätern versöhnen, so sorgen doch die gesellschaftlichen Bedingungen dafür, dass Vaterlosigkeit reproduziert wird. Die modernen Gesellschafts-Strukturen fördern den traumatischen Bruch zwi­schen Söhnen und Vätern. Sie machen aus verlassenen Söh­nen vaterlose Gesellen und harte Überväter – unreife Männer.

Vaterlosigkeit überwinden: Die Versöhnung mit dem Vaterbild

Die Männer der Zukunft haben einen harten Job: sie müssen sich mit ihrem Vaterbild versöhnen, um reife Männer zu wer­den. Sie müssen die Arbeitszeit verkürzen, um anwesende Väter zu werden. Und vor allem müssen sie den Wandel der gesellschaftlichen Strukturen ermöglichen, der die Bindung zwischen Vätern und Söhnen bzw. Töchtern ermöglicht. Väter müssen lernen anzuerkennen, wer sie sind: nämlich Söhne, die liebende Väter und Mentoren brauchen. Männer, die den Vater anerkennen, respektieren und würdigen.

Warum ist das so schwierig? Es ist Teil der Vater­-Wunde der Männer, dass sie glauben, sie seien einfach nicht gut genug. Das Gefühl des Ungenügens produziert Vaterlosigkeit. Und die Frauen reiben es ihnen zu oft unter die Nase, dass sie nicht in Ordnung sind, weil sie selbst den Vater vermisst haben und diese tiefe Verletzung auf ihre Partner projezieren. Männer glauben an ein konstitutionelles Ungenügen als Söhne und als Väter: sie können zwar ein Kind zeugen, aber nicht austragen und gebären. Sie können das Baby in den Arm neh­men, aber nicht stillen. Sie können diese tiefe Bindung zur Mut­ter, die das Baby im ersten Lebensjahr braucht, nicht erset­zen.

Richtig. Aber Väter können einem Baby die Nabelschnur durchschneiden, es baden und es willkommen heissen. Sie können dem Baby im ersten Lebensjahr eine notwendige Le­benserfahrung schenken: dass da neben der Mutter ein Mann präsent ist, der dieses Baby umsorgt und liebt, seine Bedürf­nisse sieht und der dieses Kind als das Seine anerkennt. Väter sind ein ebenso notwendiges Tor in die Welt wie die Mutter – bloss in die andere Richtung. Durch seine Präsenz vermittelt der Vater dem Kind das Vertrauen, dass es sich von der Mutter lösen kann und in die Welt gehen kann. Väter sind grundlegend wichtig und zentral für die Identitätsentwicklung des Kindes, weil die Position des Vaters dem Kind ermöglicht, in die Autonomie zu gehen.

Mit der Scham des Ungenügens – in der Regel genährt durch er­fahrene Vaterlosigkeit – werden besonders getrennt erziehende Väter konfrontiert. Oft genug schlägt es sie in die Flucht. Männer, die nach der Trennung präsente Väter blieben wollen, brauchen Unterstützung: denn der Schmerz, die Trennung, der berufliche Druck und die Gesetzeslage – auch mit dem neuen Gesetz – ma­chen es den meisten Männern schwer, präsente Väter zu blei­ben. Rückzug und Abwesenheit ist meist der einfachere und vertrautere Weg. Väter­-Gruppen ermöglichen Männern, sich ge­genseitig aufmerksame Mentoren zu sein. Das ist heilsam.

 

Das Buch zum Thema Vaterlosigkeit

Vaterlosigkeit. Geschichte und Gegenwart einer fixen Idee, Herausgegeben von Dieter Thomä, Suhrkamp Verlag Berlin 2010

Im April 2008 fand in Wien eine Tagung unter dem Titel «Vaterlosigkeit. Geschichte und Gegenwart einer fixen Idee» statt. Im Januar 2010 nun hat der Suhrkamp-Verlag die versammelten Beiträge in einem Buch herausgebracht. Der Herausgeber ist Dieter Thomä – Philosophie-Professor an der Universität St. Gallen. Er ist 2008 einem breiteren Publikum bekannt gewor- den mit dem Buch «Väter. Eine moderne Heldengeschichte.» Darin hat der zweifache Vater in einem süffigen geschriebenen Stil ein geschichtsphilosophisches Panorama der Väterbilder aufgespannt. Vaterlosigkeit wird beschrieben als ein «Teil des Programms der Moderne» – ausgehend vom 17. Jahrhundert bis heute. Denn mit Fortschritt und Emanzipation war immer auch die Abdankung, Absetzung oder Verwerfung von patriarchalen «Vätern» verknüpft.

«Vaterlosigkeit» wird hier also als ein dynamisches Muster der symbolischen Inszenierung von Moderne differenziert: dem Sturz von Übervätern folgen neue und zweifelhafte Vater-Figuren oder neue Formen «sozialer» Vaterschaft. Der Enthauptung des französischen Königs folgt eine Revision privater Vaterrollen. Deutschland war nach dem zweiten Weltkrieg durch die millionenfach gefallenen Väter eine «vaterlose Gesellschaft», die Grundbefindlichkeit der «vaterlosen Söhne» war geprägt von der Suche nach «Vaterersatz», der Mutterdominanz folgte «Vatersehnsucht» und auf die 68er-Revolte gegen die väterliche Kriegsgeneration folgte die «Vatervergewisserung»: von 2002 bis 2004 erschienen in Deutschland in überregionalen Tageszeitungen eine grosse Anzahl von Todesanzeigen, in denen Söhne und Töchter an den Kriegstod des Vaters vor sechzig Jahren erinnerten.

Die dreizehn Beiträge aus Geschichte, Literatur, Soziologie und Philosophie bieten eine spannende interdisziplinäre Vielfalt mit einem gemeinsamen Anliegen: sichtbar zu machen, wie machtvoll symbolische «Vaterlosigkeit» wirksam ist. Es geht also nur in zweiter Linie um die fürsorgliche Abwesenheit der Väter – in erster Linie geht es um politische, philosophische oder literarische Inszenierungen von Vaterlosigkeit, um neue symbolische Ordnungen von «Vaterschaft»– die ihrerseits neue Formen realer und symbolischer «Vaterschaft» produzieren.

Heute hat der familienfeindliche Kapitalismus zur Folge, dass immer weniger Eltern erst spät wenige Kinder bekommen. Die Gesellschaft überaltert. Seit den 68er-Jahren ist das bürgerliche Familien-Modell in der Krise. Die Gleichstellung macht Fortschritte, die Väter sind in der Kinderfürsorge präsenter, in den individuellen Einstellungen hat sich die väterliche Partizipation als eine normative Erwartung etabliert. Die soziologische Realität bleibt jedoch ernüchternd: im europaweiten Durchschnitt beträgt das Verhältnis der elterlichen Kinderfürsorge 70:30 zugunsten der Mütter. Immerhin hat sich der Stil der Zuwendung der Väter zu den Kindern markant verändert: die Vater-Kind-Beziehung ist emotionalisert und autoritäre Einstellungen haben deutlich abgenommen.

Es war Alexander Mitscherlich, der 1963 mit seinem einflussreichen Buch «Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft» die symbolische Vaterabschaffung und Vaterlosigkeit zum grossen Thema machte. Die zündende Idee für Dieter Thomä kam durch eine Veranstaltung des Frankfurter «Instituts für Sozialforschung». Doch leider kommt in diesem spannenden Band kein einziger Vertreter aus der psychoanalytischen Sozialforschung zu Wort. Obschon zeitgleich zur Tagung «Vaterlosigkeit» im April 2008 der Zürcher Psychoanalytiker Emilio Modena einen Sammelband zum 100. Geburtstag von Alexander Mitscherlich herausgab: «Unterwegs in der vaterlosen Gesellschaft. Zur Sozialpsychologie Alexander Mitscherlichs.» (Psychosozial-Verlag)