Was Männer zu Männer macht

Buchbesprechungen zu den Mens Studies

Was Männer zu Männern macht, wie sich Männer in Bezug auf Frauen und andere Männer positionieren und auf welche Art und Weise sie Dominanz und Hierarchien herstellen, ist seit den 1980er Jahren zum Gegenstand der sogenannten „Mens Studies“ – der Männerforschung - geworden. Ich bespreche hier eine Reihe von Neuerscheinungen, die ich in Bezug auf die «Mens Studies» für spannende Beiträge halte, die aber nicht unbedingt aus diesem Feld stammen. Die aktuelle Auswahl ist deshalb besonders interessant, weil sie fast alle Arenen abdeckt, in denen Männlichkeit hergestellt, reproduziert und dominant gemacht wird: im Körper und der Geschlechteridentität, in intimen Beziehungen, im Haushalt, im Beruf und in reinen Männergesellschaften. 

Martin Licht, TM-Brevier. Das Handbuch für Transmänner, tredition 2012

Geschichten von Männern, die sich schon immer als Frauen fühlten und sich irgendwann mal zu Frauen umoperieren lassen, sind in den Medien häufig anzutreffen. Der umgekehrte Weg der «Transmänner» ist noch weitgehend unbekannt: Frauen, die sich als Buben und Männer fühlen, die sich in der Öffentlichkeit als Männer ausgeben und irgendwann mal auch die körperliche Geschlechtsumwandlung vollziehen. Wie schwierig dieser Prozess der «Mannwerdung» für Betroffene ist, macht das «Das Handbuch für Transmänner» deutlich. Es gibt sehr viele praktische Tipps für Menschen, die sich von einer weiblichen zu einer männlichen Identität hin bewegen. Das Buch gibt Antworten auf fast alle praktischen Fragen: von der Pinkelhilfe und dem Penishalter bis zu Psychotherapie, Hormontherapie und Namensänderung.

Der Autor, Martin Licht, beschreibt sehr offen seine Motive für den Ratgeber: «Nach vielen Jahren des Verdrängens stellte ich mich endlich meiner Identität – und sehr bald stand fest: Ich will mein Leben so leben, dass mein Aussehen mit meinem Selbstempfinden übereinstimmt. Denn genau das hatte mich all die Jahre seit meiner Kindheit am meisten gequält: immer wieder aufgrund von körperlichen Merkmalen als Frau definiert zu werden... Ich hatte mich nicht nur auf der Bühne, sondern immer wieder im alltäglichen Leben als Mann ausprobiert und fand es sehr beglückend. Ja, und da stand ich nun mit über 40 Jahren exakt an dem Punkt, an dem ich als Kind vor der Pubertät gestanden hatte: Ich wusste, dass ich keine Frau bin, aber meine Umwelt wollte dies nicht wahrhaben. Also musste ich etwas daran ändern...Doch dann merkte ich, wie schwierig, zeitaufwändig und umständlich es sein kann, die grundlegendsten Fragen beantwortet zu bekommen, die man in einer solchen Situation anfangs hat.» 

Für Transmänner und jene, die sie beraten und begleiten, ist dieses Handbuch eine sehr informative Orientierungshilfe. Und ich verstehe nun besser, wie grundlegend für Robert W. Connell, den Begründer der Männlichkeitsforschung und Autor des Buches «Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten» seine persönliche Erfahrung als Transfrau gewesen sein muss – als Mann der eine Frau geworden ist. 

Eva Illouz, Warum Liebe weh tut, Suhrkamp 2011

«Über die Liebe wird man nicht mehr diskutieren können, ohne sich auf dieses Buch zu beziehen». Diese Einschätzung der ZEIT kann ich voll und ganz teilen. Beim Lesen dieses Buches ist ein grosses Aufatmen durch meinen Körper geglitten. Als Paarberater, Traumatherapeut und Soziologie habe ich mich seit Jahren darüber geärgert, dass mir in dem ganzen Wildwuchs an psychologischer Paarhilfe-Literatur kein einziges Buch begegnet ist, das versuchte die Konflikte und Entwicklungen der modernen Liebesbeziehung konsequent aus der soziologischen Perspektive zu verstehen. Diese grosse Lücke ist mit diesem sehr klugen und leserlich geschriebenen Buch nun geschlossen worden. Es wirft einen radikalen und liebevollen Blick auf das aktuelle Leiden der Frauen und Männer an der Liebe.

Da Eva Illouz sich darum bemüht, das Vermeidungsverhalten der Männer mit dem Eingehen starker emotionaler Beziehungen soziologisch zu verstehen, ist es weder eine Antwort auf die Frage «Wo sind nur die guten Männer hin?» noch eine Anklageschrift gegen die sexuelle Freiheit. «Es ist vielmehr der Versuch, jene gesellschaftlichen Kräfte zu verstehen, die das emotional ausweichende Verhalten der Männer und die Folgen der sexuellen Freiheit prägen, wobei dieser Versuch nicht davon ausgeht, dass Männer von Haus aus unzulängliche Wesen sind...“

Der Freiheitskult im wirtschaftlichen Bereich hat gezeigt, dass er verheerende Konsequenzen haben kann – indem er beispielsweise Unsicherheit und gewaltige Einkommensunterschiede verursacht - deshalb sollten wir auch nach seinen Folgen im persönlichen, emotionalen und sexuellen Bereich fragen. Die zentrale Antwort kommt zuerst mal bekannt vor: Unter modernen Bedingungen verfügen Männer über eine weitaus grössere sexuelle und emotionale Auswahl und dieses Ungleichgewicht führt zur Dominanz der Männer. Jedoch erst die differenzierte Analyse von Illouz macht die Antwort aufschlussreich, weil sie die herkömmlichen feministischen Fallen kompetent vermeidet.

Sheryl Sandberg: Lean In – Frauen und der Wille zum Erfolg. Econ 2013

«Männer habe keine Ahnung, wie oft sie ganz selbstverständlich davon profitieren, dass sie Männer sind. Und das macht sie blind für die Benachteiligungen, die Frauen erfahren».  Das schreibt Sheryl Sandberg, die Nummer 2 bei Facebook. Bettina Weber hat das Buch im Tages-Anzeiger besprochen und preist es als wertvolle Männer-Lektüre an, weil es ohne Schuldzuweisungen und Opferdiskurs verständlich macht, wie Männer sich in der Geschäftswelt durchsetzen. «Sandberg hat keine Lösungen oder Leitlinien parat, und sie sagt den Frauen schon gar nicht, sie würden es sich zu bequem machen... Sie zeigt vielmehr auf, wie unterschiedlich die Wahrnehmung von Frauen und Männern in der Berufswelt immer noch ist und wie sehr Stereotypen dominieren.» Sandbergs Buch ist deshalb wertvoll, weil es eine nüchterne und ehrliche Bestandsaufnahme einer erfolgreichen Kaderfrau ist, die aus der Praxis berichtet. Die theoretische Begründung, weshalb die Geschlechter-Stereotypen so mächtig sind, kann man von ihr nicht erwarten, das müssen die Gender Studies leisten.

Karen Wagels: Geschlecht als Artefakt. Regulierungsweisen in Erwerbsarbeitskontexten. Transcript 2013

So umständlich wie der Titel dieses Buches klingt, ist es auch geschrieben. Es ist ein keine leichte Lektüre. Aber es bietet genau jene theoretische Begründung der Macht der Geschlechter-Stereotypen, die bei Sheryl Sandberg fehlt. Karen Wagels rückt den Körper als Medium der geschlechtlichen Selbstwahrnehmung und Kommunikation ins Zentrum der Analyse. Das Spektrum zwischen Mann-Sein und Frau-Sein wird im Arbeitsalltag vor allem über eine stereotype Form der Verkörperung inszeniert und reproduziert. Wagels hat diese Verkörperung anhand von Interviews mit Trans-Menschen erforscht, die sich nicht dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht zuordnen oder zuordnen lassen. 

Da ist das Beispiel von Doris, die in das Feld der Erwerbsarbeit als «als Mann» eingetreten ist und zunächst «im gehobenen Management» erfolgreich war. Mit jeder neu erreichten Stufe wird ihre Situation schwieriger, weil sie damals im privaten Raum schon eine weibliche Identität lebt. Dorisist sich bewusst, dass das Diversity Management eine Transgender-Identität zulassen würde, aber die Barrieren und Einschränkungen im gehobenen Management verlangen dafür einen zu hohen Preis. In ihrer Position ist der Spielraum derart eng, dass nur ein Doppelleben möglich scheint.

Wagels bezeichnet die Macht der Geschlechter-Stereotypen als «Heteronormativität» – als ein machtvolles Feld von Denk- und Wahrnehmungsmustern gebunden an die geschlechtsspezifische Verkörperung. Auch wenn es möglich ist, mit einer lesbischen oder schwulen Identität im Feld der Erwerbsarbeit sichtbar zu werden, so muss sich dieses Sichtbarwerden doch in sehr engen Grenzen bewegen, die die heteronormative Ordnung vorgibt. Denn Macht konzentriert sich weitgehend in der männlichen Markierung von Positionen. Das heteronormative Feld übt einen grossen Zwang und eine versteckte Gewalt auf die Menschen aus, die sich darin bewegen – und dies erklärt die Macht der Stereotypen. 

Andrea Hungerbühler: „Könige der Alpen.“ Zur Kultur des Bergführerberufs. Transcript 2013

Von den Gipfeln der Wirtschaft ist es nicht weit zu den Gipfeln der Berge. Mit einem Frauenanteil von rund 1.8 Prozent ist der Bergführerberuf fast ausschliesslich eine Männerdomäne. Die numerische Dominanz geht mit einer maskulinen Codierung der Tätigkeit und des Berufsfeldes einher. Im April 2013 feierte der SAC – der Schweizer Alpen-Club - sein 150-jähriges Bestehen.

Spannend ist, dass die Gründerväter fast ausnahmslos Städter aus Basel und dem Mittelland aus liberal-konservativen Kreisen waren. Sennen und Älpler waren nicht dabei. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Bergführer als prototypischer, gleichsam idealer Landmann konstruiert. Über eine Art Bergromantik propagierte der SAC 1923 die Heimatliebe: «Vaterländisch wirkt der SAC, indem er die Leute, und gerade auch solche, die noch nicht vaterländisch denken ..., in die Berge führt.“

Andrea Hungerbühler zeichnet den historisch-soziologischen Prozess nach, durch die der Bergführer zu einer charismatischen Männer-Figur des Schweizer Alpinismus stilisiert wurde. Sie tut dies, indem sie die zentrale Kategorie der Männlichkeitsforschung – «die hegemoniale Männlichkeit» – als Lupe benutzt, um das Zusammenwirken von Beruf, Nation und Geschlecht zu untersuchen. Diese Dissertation ist glücklicherweise so verständlich geschrieben, dass sie auch für ein breiteres Publikum gut lesbar ist. 

Dieser Artikel wurde 2013 in der Männer-Zeitung publiziert.