Zum Sehen geboren (Johann Wolfgang Goethe)

Zum Sehen geboren,
zum Schauen bestellt,
dem Turme geschworen,
gefällt mir die Welt.

Ich blick in die Ferne,
ich seh in der Näh
den Mond und die Sterne,
den Wald und das Reh.

So seh ich in allen
die ewige Zier
und wie mirs gefallen
gefall ich auch mir.

Ihr glücklichen Augen
was ihr je gesehn,
es sei wie es wolle,
es war doch so schön!

Liebeslied (Rainer Maria Rilke)

Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
Hinheben über dich zu anderen Dingen?

Ach gerne möchte ich sie bei irgendetwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
An einer fremden stillen Stelle, die
Nicht weiterschwingt, wenn die Tiefen schwingen.

Doch alles​ was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.

Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süsses Lied.

Gleichgewicht (Hilde Domin)

Wir gehen
jeder für sich
den schmalen Weg
über den Köpfen der Toten
- fast ohne Angst -

im Takt unseres Herzens,
als seien wir beschützt,
solange die Liebe
nicht aussetzt.

So gehen wir
zwischen Schmetterlingen und Vögeln
in staunendem Gleichgewicht
zu einem Morgen von Baumwipfeln
- grün, gold und blau - 

und zu dem Erwachen
der geliebten Augen.

 

Nicht müde werden (Hilde Domin)

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten

Das leere Grab (Kurt Marti)

Ein Grab greift
tiefer
als die Gräber
gruben

Denn ungeheuer
ist der Vorsprung Tod

Am tiefsten
greift
das Grab das selbst
den Tod begrub

Denn ungeheuer
ist der Vorsprung Leben