Über die Geduld (Rainer Maria Rilke)

Man muss den Dingen 
die eigene, stille ungestörte Entwicklung lassen, 
die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann, 
alles ist austragen – und  dann gebären… 

Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt 
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte. 
Er kommt doch! 

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,  die da sind,
als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,  so sorglos, still und weit… 

Man muss Geduld haben mit dem Ungelösten im Herzen, 
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, 
wie verschlossene Stuben,  und wie Bücher,
die in einer sehr fremden Sprache  geschrieben sind. 

 Es handelt sich darum, alles zu leben. 

Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich, 
ohne es zu merken, eines fremden Tages 
in die Antworten hinein. 

 

Anmerkung:  Diese Zeilen stammen aus einem Brief von Rainer Maria Rilke „an einen jungen Dichter“ (Franz Xaver Kappus), in dem sie eingestreut sind.  

Ins Innere gebracht (Angelius Silesius)

Wer seine Sinne hat
ins Innere gebracht,
der hört was man nicht red't,
und siehet in der Nacht.

Das Fasten ist ein Teil meines Wesens (Mahatma Grandi)

Das Fasten ist ein Teil meines Wesens.
Ich kann auf es ebensowenig verzichten
wie auf meine Augen.

Was die Augen für die äussere Welt sind,
das ist das Fasten
für die innere.

Ersehnte Stille (Rainer Maria Rilke)

Wenn es nur einmal ganz stille wäre,
wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen -:

Dann könnte ich in einem tausendfachen 
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen - nur ein Lächeln lang -
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.